Ocean Cleanup – Top oder Flop

Boyan Slat – sicher hat jeder von euch diesen Name in letzter Zeit einmal gehört. Boyan Slat, der vom Aussehen her ein wenig an den tapferen Frodo aus „Herr der Ringe“ erinnert. Der smarte Holländer und seinem Megaprojekt, das Ocean Cleanup Projek , mit dem er die Weltmeere in absehbarer Zeit von den unfassbaren Mengen an Plastikmüll säubern möchte.

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Vor drei Jahren stellte der damals 17 jährige seine Idee in der TEDx Show in Delft vor. Er berichtet davon wie er beim tauchen in Griechenland mehr Plastik zu sehen bekam als Fische. Getrieben von diesem Erlebnis und der Frage, warum niemand auf der Welt etwas gegen diese massive Verschmutzung der Meere unternimmt, arbeitet Slat Tag und Nacht an der Verwirklichung seiner Idee. Er entwickelt mit einem internationalen Team aus über 100 Freiwilligen, darunter viele Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen, die technische Umsetzung des Ocean Cleanup Konzepts.

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Von einer schwimmenden Plattform sollen zwei jeweils 50 Kilometer lange Arme abgehen, an denen eine drei Meter tiefe Plastikbarriere als Filter fungiert, die am Meeresboden in bis zu 4000 m Tiefe befestigt wird. Der treibende Plastikmüll wird durch diese in vorgesehene Filtertrichter gelenkt und so gesammelt, während Fische und Algen unter ihr hindurchschwimmen oder treiben können. In der mittigen Plattform wird der Plastikmüll gesammelt und alle paar Jahre entleert und an Land gebracht um dort recycelt zu werden, wodurch ein Teil der Kosten des Projekts gedeckt werden sollen.

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Ich möchte jetzt gar nicht zu sehr auf die Details der Konstruktion eingehen jedoch findet ihr unter den folgenden Links die über 500 Seiten lange Machbarkeitsstudie sowie die meistgestellten Fragen plus die Antworten dazu. (http://www.theoceancleanup.com/fileadmin/media-archive/theoceancleanup/press/downloads/TOC_Feasibility_study_lowres.pdf)

(Hier werden alle möglichen Fragen beantwortet: http://www.theoceancleanup.com/faq.html)

Slat stößt auf zunächst auf viel positive Resonanz, 2012 erhält er den ISea-Design_Preis und 2013 wird er beim Intl EYE50-Top-Thinkers Wettbewerb zu den „Most Promising Young Entreprneurs“ erklärt. Seine starke Internetpräsenz und extrem gute Social Media Arbeit verhelfen ihm zu einem schnell wachsenden Bekanntheitsgrad. 2014 bekommt Slat über eine Crowdfunding Kampagne in hundert Tagen 2 Millionen Dollar zusammen, die er benötigt um in die Pilotphase zu starten. Ein erster Testlauf fand im Gebiet der Azoren statt. Doch es gibt auch jede Menge Skeptiker aus den Reihen der Wissenschaft. Die Konstruktion könne den Wetterbedingungen auf hoher See niemals standhalten, heißt es.

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Laut der Machbarkeitsstudie ist dieser Punkt widerlegt. Slat nutzt Wissen und Materialien führender Unternehmen des Offshore Bauwesens. Zu 95% der Fälle sollte die Konstruktion halten, eine Garantie kann es natürlich nie geben…. (Man denke an die Titanic…) Manche Meereswissenschaftler befürchten, dass durch das Plastik auch viele wichtige Planktonarten und Bakterien, die das Plastik besiedeln, aus dem Meer genommen werden. Auch in diesem Falle beruhigt Slat die Kritiker, da falls dies der Fall sein sollte, die negative Auswirkung nicht stark ins Gewicht fallen werde. Größere Tiere oder Algen können unter dem drei Meter tiefen „Vorhang“ drunter herschwimmen bzw. treiben, da der Weg von dem Arm bis zu dem Container in der Plattform lang ist und Strömungswechsel selbst passive Schwimmer wieder nach unten befördern.

Nun zu dem Punkt, dass Slat der Plastikindustrie in die Arme spiele.

Hoffentlich wird fast allen von uns klar sein, dass sich im Verhalten der Menschen und vor allem der Industrielobby etwas verändern muss. Der Plastikkonsum MUSS massiv eingeschränkt werden, na klar! Nur wird dieses Umdenken leider eine Weile dauern dauern, da der Mensch durch Plastik auch viel Comfort und Bequemlichkeit erfährt, und die Lobbyisten kein großes Interesse an wirtschaftlicher Veränderung haben. Bis dahin ist das Ocean Cleanup Projekt einfach ein toller Ansatz, auch wenn es Kritik und Fragen hagelt, denen sich Slat jedoch gerne stellt! Gerade dadurch kann er sein Projekt mehr und mehr optimieren.

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2016 soll die erste Anlage in Einsatz kommen. Sie wird mit einer Länge von 2000 Metern als bisher längstes schwimmendes Konstrukt in den Gewässern zwischen Japan und Südkorea aufgestellt werden und Boyan Slat und sein Team einen weiteren Schritt in Richtung weltweiter Realisierung des Projekts bringen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wollen sie eine 100 Kilometer lange Vorrichtung zwischen Hawaii und Kalifornien errichten um die Hälfte des Great Pacific Garbage Patch zu beseitigen. Die Kosten für die Testkonstruktion in Asien liegen liegen laut Spiegel bei 250 Millionen Euro. Das klingt viel, wenn man jedoch bedenkt, dass der G7 Gipfel in Bayern 350 Millionen Euro gekostet hat. 350 Millionen Euro dafür, dass sich sieben Regierungschefs zwei Tage getroffen haben um…. ja was eigentlich nochmal?????

Aktive Mitwirkung von Urlaubern – Gummitiere vermehren sich erfolgreich im Meer

Bald ist es wieder soweit – die Zeit der Sommerferien beginnt! Im Minutentakt landen komplett ausgelastete Flieger auf den völlig überlaufenen Flughäfen diverser Urlaubsinseln wie Mallorca, Ibiza und vielen anderen, die sich gerade bei uns Deutschen aber auch anderen Nordeuropäern großer Beliebtheit erfreuen. Ladungen voller urlaubsreifer Touristen, in freudiger Erwartung auf ihren heißersehnten Jahresurlaub, Mama gestresst vom Schulnotenmarathon vor den Ferien, Papa kurz vorm Burnout durch den Bürostress und die Kinder plärren ich will, ich kann nicht mehr, wann sind wir da… Mit Kind und Kegel wird das Gepäck in den viel zu kleinen Mietwagen – Mama flucht, Papa rinnt der Schweiß von der Stirn, alle in Gedanken schon längst auf der Liege am Strand, ein kühles Bier in der Hand.

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Nach sich wie Kaugummi ziehenden Stunden ist das Ziel endlich erreicht und leicht beschwingt und leicht bekleidet macht sich die Familie auf zum Strand. Entlang der Strandpromenade findet man ein Glück Lädchen in denen man alles kaufen kann, was den Strandtag zu einem unvergesslichen Erlebnis macht…..und die quengelnden Kinder bedient. Es ist so einfach – ein Eis und etwas Plastik. Jeder sucht sich was aus dem meeeeeega Angebot aus. Gummikrokodiele, Gummihaie, Gummiboote, Luftmatratze, Eimer, Schaufel, Wasserpistole, Wassermaschinengewehre, Frisbees undundund… Da weiß Klein Jason nun gar nicht, was er nehmen soll. Doch Papa ist großzügig, man macht ja nur einmal im Jahr Urlaub! …. und Klein Jason hat Glück, bis zum Ende der zwei Wochen hat er im Hotel einen wahren Plastikschatz angesammelt. Ball, Schaufel, Knarre, Gummi-Nemo…. alles seins! Nur was passiert mit dem neuen Schatz, wenn der Ulaub sich dem Ende zuneigt und klein Jason wieder nach Hause fliegen muss? Hmmm… Mama hat sich ja auch so viele schicke Strandtücher gekauft, dann die ganzen Souvenirs für Tante Ida und Onkel Heinz…die eigenen vielen Mitbringsel…nein, man muss ja Prioritäten setzen, das Plastikzeugs bleibt hier! … hat ja eh nicht viel gekostet!

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So geht es wohl tausendfach jeden Sommer zu … was bleibt sind Berge von verlassenem Kinderspielzeug an den Stränden und in den Hotels. Da kann sich jeder an zehn Fingern abzählen, was mit den Dingen passiert… ein kleiner Teil landet auf dem Scheiterhaufen der örtlichen Müllentsorgung, und der größte Teil hingegen gesellt sich zu den Fischen und Muscheln im Meer!

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Könnte diese Plastikmenge jeden Sommer nicht eingedämmt werden? Wie soll man denn das schaffen ohne den Kleinen den Spaß am Strand zu verderben, werden sich einige denken.

Ein Ansatz bietet das Cradle to Cradle Projekt, das sich damit beschäftigt biologisch abbaubares Strandspielzeug für Kinder herzustellen.

(https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/1_3_f_cradle_to_cradle_vision_1544.htm)

(http://www.plastverarbeiter.de/49625/cradle-to-cradle-islands-projekt-biologisch-abbaubares-strandspielzeug/).

Man sollte generell darauf achten, welches Plastikspielzeug man kauft. Es gibt mittlerweile schon einige „grüne“ Anbieter. Der erste Schritt ist, sich darüber bewusst zu werden, dass das Spielzeug noch lange weiter existiert, auch wenn man selber schon wieder im grauen Alltag auf der Arbeit sitzt und vom blauen Meer träumt! … jeden Urlaub etwas Meer!

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Ich freue mich, euch ein Interview mit Dr. Melanie Bergmann vom Alfred Wegener Institut anbieten zu können zum Thema: Plastik in der europäischen Tiefsee!

Frau Dr. Melanie Bergmann ist Meeresbiologin am Alfred – Wegener Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Das Institut betreibt meeres- und polarwissenschaftliche Forschung in der Arktis, Antarktis und auch in gemäßigten Breiten. Dr. Bergmann gehört zu einem internationalen Forscherteam, das die Verbreitung des Mülls in den europäischen Meeren untersucht. Zu den 32 Meeresgebieten die untersucht wurden gehört das Mittelmeer, der Nordatlantik und der Arktische Ozean. Rund 2.100 Aufnahmen des Meeresbodens, Videoaufnahmen und Bodenproben, die mit Hilfe von Grundschleppnetzen genommen wurden, wurden untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierender als angenommen, von küstennahen Gebieten bis hin zur Tiefsee – es gibt keine müllfreien Regionen mehr in den Ozeanen.

Frau Dr. Bergmann, Sie waren für diese europaweite Studie unterwegs, mit deren Hilfe die Verbreitung des Mülls in den europäischen Meeren erfasst werden soll. Wie kam es überhaupt zu dieser Idee und können Sie kurz was zur Methodik dieser Erfassung sagen?

Nach HERMES, einem EU- Projekt das sich mit dem Thema Biodiversität der europäischen Tiefsee beschäftigt hat, erforschten wir mit dem Folgeprojekt HERMIONE die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Ökosysteme der Tiefsee. Dabei ging es neben Klimawandel und Fischerei um Umweltverschmutzung, insbesondere die Vermüllung der Meere. Um den tasächlichen Grad der Vermüllung in der europäischen Tiefsee zu erfassen, wurde bereits vorhandenes Bildmaterial untersucht. Diese Bilder wurden im Vorfeld durch am Meeresboden geschleppte Kamera-Systeme und Tauchrobotern erstellt. Zusätzlich wurden im Mittelmeer Grundschleppnetzfänge in Hinblick auf Müll untersucht. Mit erschreckendem Ergebnis: der Müll wog zum Teil schwerer als die gefangenen Tiere.

Gibt es schon weltweite Studien zu diesem Thema? Ist es überhaupt möglich, weltweite Studien zu diesem Thema zu starten?

Letztes Jahr gab es eine ansatzweise weltweite Studie zum Thema Müll im Meer. Allerdings wurden hier einmal mehr nur an der Meeresoberfläche treibender Müll erfasst. Also ist es nicht verwunderlich, dass die Ergebnisse ein bis drei Größenordnungen unter Schätzungen des globalen Mülleintrags in die Ozeane liegen. Es gibt also momentan eine große Lücke, die nicht allein mit dem Zerfall von Plastik in kleinere Mikroplastik-Teilchen erklärt werden kann. Es stellt sich die Frage: Wo landet all das Plastik? Entgegen der gängigen Meinung, Plastik sei so leicht, dass es in erster Linie an der Wasseroberfläche schwimmt, weist die Dichte verschiedener Kunststoffe darauf hin das ca. die Hälfte zum Meeresboden sinkt und ein weiterer Teil in der Wassersäule, dem Wasserkörper zwischen der Meeresoberfläche und dem Meeresboden, schwebt. Was viele Studien, die sich mit dem Thema Müll im Meer befassen zeigen ist also nur die Spitze des Eisberges – der Großteil des Mülls liegt unentdeckt in der Tiefsee.

Ein großes Problem bei der weltweiten Erfassung von Müll ist, dass momentan häufig keine Standards eingehalten werden, d.h. die Ergebnisse verschiedener Studien lassen sich hinterher nicht vergleichen. Es fängt schon damit an, dass manche Studien Müllstücke zählen, andere wiegen sie nur; manche geben Müllstücke pro Quadratmeter an, andere pro Meter. Das alles führt dazu, dass die Studien z.B. nicht in einer quantitativen Karte dargestellt werden können.

(Eriksen, M., Lebreton, L.C.M., Carson, H.S., Thiel, M., Moore, C.J., Borerro, J.C., Galgani, F., Ryan, P.G., Reisser, J., 2014. Plastic Pollution in the World’s Oceans: More than 5 Trillion Plastic Pieces Weighing over 250,000 Tons Afloat at Sea. PLoS ONE 9, e111913.Jambeck, J.R., Geyer, R., Wilcox, C., Siegler, T.R., Perryman, M., Andrady, A., Narayan, R., Law, K.L., 2015. Plastic waste inputs from land into the ocean. Science 347, 768-771.)

Wie alarmierend ist das Ergebnis dieser umfangreichen Untersuchungen?

Es ist besorgniserregend, denn unsere Studie hat gezeigt, egal wo man guckt, man auch fündig wird. Und das selbst Orte betroffen sind, von denen man es wirklich nicht erwartet hätte, wie z.B. die arktische Tiefsee, welche fernab von menschlichen Ballungsräumen liegt. Dies verdeutlicht, in welchem Maß Plastikmüll sich verbreitet. Aufgrund des jährlichen Produktionszuwachses, seiner Leichtigkeit und der Langlebigkeit.

Um was für Müll handelt es sich in erster Linie? Und welches sind die wohl größten Müllquellen?

Die meisten Studien finden zu 50-90 % Plastikmüll. Es kursiert immer wieder die Angabe, 80 % des Mülls seien landbasiert und der Rest komme vom Meer z.B. durch Schifffahrt oder Fischerei. Dennoch weiß keiner genau, woher diese Zahlen stammen. Es gibt verlässliche Schätzungen für landbasierten Müll (2010: 4,8 – 12,7 Millionen t). Das Problem liegt natürlich bei der Schätzung des meerbasierten illegalen Mülls, doch selbst wenn diese Zahlen global gesehen einigermaßen hinkämen, ist es lokal gesehen nicht wirklich relevant. Denn an der Stelle, wo ein Schiff seinen Müll auf See verklappt, stammt der Müll zu 100 % vom Meer.

Immer häufiger hört man das Wort Microplastik in den Medien. Was genau versteht man unter dem Begriff und welche Rolle spielt es in dem Ökosystem Meer. Welche besonderen Gefahren bringt es mit sich – auch für uns Menschen?

Als Mikroplastik bezeichnet man Plastikteilchen, die je nach Definition kleiner als 5 mm oder kleiner als 1 mm sind. Diese entstehen entweder durch den Zerfall größerer Plastikteile (durch Licht, Temperaturunterschiede, mechanischen Abrieb, Verdauung) oder wurden von vorne herein so produziert und eingesetzt, z.B. im Bau, Kosmetika, Zahnpasten. Ein Verbot könnte hier einiges bewirken. Mikroplastik-Fasern entstehen auch in der Waschmaschine, wenn synthetische Textilien mitgewaschen werden. So wurden in dem Abwasser eines Waschgangs 1000-2000 solcher Fasern nachgewiesen, und leider werden diese häufig keinesfalls von den Klärwerken herausgefiltert und gelangen so ins Meer.

Die Gefahr könnte darin liegen, dass diese Teilchen leichter von einer großen Zahl von Tiergruppen aufgenommen werden kann, auch unbeabsichtigt z. B. über Kiemen. Auf diesem Weg gelangen sie in die Nahrungskette und können sich anreichern. Zu den Auswirkungen gibt es allerdings bislang so gut wie keine Ergebnisse, wahrscheinlich hängen diese stark davon ab, wie lange diese Partikel im Tier verbleiben. Wenn sie schnell wieder ausgeschieden werden, richten sie vermutlich keinen so großen Schaden an, aber auch dazu wissen wir sehr wenig.

Ein Problem könnten die dem Mikroplastik anhaftenden Giftstoffe sein. Das sind zum einen Stoffe, die den Polymeren bereits bei der Produktion zugesetzt wurden, um bestimmte Eigenschaften zu erzielen (Flammschutz, höhere Langlebigkeit, Weichmacher). Zum anderen können sich im Meer weitere Giftstoffe an Mikroplastik-Teilchen anhaften und so mit in die Nahrungskette gelangen. Hier kommt es wahrscheinlich auf das Konzentrationsgefälle an. Einige Modellstudien weisen in der Tat darauf hin, dass Mikroplastik auch Giftstoffe aus besonders belasteten Organismen aufnehmen könnten und mit ihm ausgeschieden werden könnten.

Als noch viel gefährlicher einzustufen sind wahrscheinlich Nano-Plastikteilchen, denn diese können sogar in die Zellen gelangen und Zellmembranen passieren und beeinflussen die Photosynthese von Süßwasser-Algen. Darüber ist so gut wie gar nichts bekannt.

Mein Blog SeaAndTheCity bezieht sich ja auf den engen Zusammenhang zwischen den Menschen unserer Städte, Konsumverhalten und der umweltpolitischen Situation unserer Meere. Was konkret bedeutet das Ergebnis dieser Studie für jeden von uns? Gibt es überhaupt noch eine Chance, die Situation der Weltmeere in den Griff zu bekommen? Was kann Ihrer Meinung nach jeder einzelne von uns unternehmen, damit sich die Situation der Ozeane verbessert?

Das ist schwierig. An oberster Stelle steht natürlich, die Entstehung von Plastikmüll zu vermeiden, aber das ist gar nicht so einfach für den einzelnen, wenn selbst Bio-Produkte in Plastik verpackt werden.

Obwohl natürlich jeder einzelne dafür in der Verantwortung steht, so wenig Müll wie möglich zu produzieren, wehre ich mich doch ein bisschen dagegen, die ganze Verantwortung auf die Konsumenten abzuwälzen. Letztlich ist Plastik momentan zu billig. Würden die Kosten, die durch Umweltschäden und die Müllbeseitigung entstehen (einige Strände, z.B. auf Borkum, müssen jeden Tag von Müll ‚gereinigt‘ werden) berücksichtigt, wäre Plastik viel teurer. Das würde dazu führen, dass andere Alternativen stärker in Betracht gezogen würden, bzw. dass es -wie vor Einführung des dualen Systems in Deutschland- weniger (Um-)Verpackungen gäbe. Ich möchte hier keinesfalls alle Plastikprodukte verteufeln aber Plastik muss wieder verantwortungsvoll als Wertstoff eingesetzt werden und weniger als Wegwerf-Artikel Verwendung finden.

Ansätze wären zum Beispiel:

  • Probieren, Produkte zu kaufen, die weniger verpackt sind, z.B. durch Einkauf auf dem Wochenmarkt
  • keine neuen Plastiktüten zu benutzen
  • Insbesondere am Strand, Fluss, See oder überhaupt im Freien darauf zu achten, keinen Müll (auch keine Zigarettenkippen) zu hinterlassen, der ins Meer wehen oder fließen könnte
  • Müll auch in der Stadt so zu entsorgen, dass er nicht wegweht
  • Kosmetika und Zahnpasten mit Mikroplastiks meiden (s. BUND-Einkaufratgeber: http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/meere/131119_bund_meeresschutz_mikroplastik_produktliste.pdf )

Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview! … auch wenn die Ergebnisse alles andere als schön sind! Ein Grund mehr für jeden von uns selbst etwas zu verändern…. jeden Tag ein bißchen Meer!

 

 

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Wie ist das denn nun mit dem Recycling?

Ein wesentlicher Aspekt des verantwortungsvollen Umgangs mit Müll ist natürlich die Mülltrennung. Ich als Freiburgerin bin mit einem Überbewusstsein für eine extrem penible Sortierung des Mülls aufgewachsen …. diese Verantwortung wird uns praktisch in die Wiege gelegt. In meiner Zeit in Spanien wurde ich nicht selten damit aufgezogen, dass Mülltrennung wohl eine der „extrem typisch deutschen Dinge“ sei! Nun …. ist das wirklich so? Trennen wir Deutschen den Müll mehr als unsere europäischen Nachbarn? Und bringt das denn dann auch was?

Erst mal stellt sich die Frage, was genau versteht man unter Recycling? Welche Stoffe werden oder können überhaupt recycelt werden?

Entstanden ist die Idee im Jahre 1991, als die neue Verpackungsordnung die Verpackungsindustrie in die Verantwortung nahm, auf den Markt gebrachte Kunststoffabfälle wieder zurückzunehmen und sich an der Entsorgung zu beteiligen. Wir können uns alle sicher noch gut an den „Grünen Punkt“ erinnern, der plötzlich auf vielen Verpackungen zu finden war. Er bedeutete, dass die Verpackung in die Gelbe Tonne gehört, d.h. dass sie recycelt – also wiederverwertet werden kann. Es bedeutet auch, dass der Hersteller im Vorfeld dafür bezahlt hat, dass die Verpackung in das Wiederverwertungssystem zurückgeführt wird. Dieses Geld holt er sich natürlich durch den Marktpreis vom Endverbraucher zurück. Mittlerweile hat der Grüne Punkt seine Monopolstellung verloren und es werden auch Verpackungen ohne diese Markierung recycelt.

Unter Recycling versteht man die stoffliche Wiederverwertung der Materialien. Recycelt werden Kunststoffe, Aluminium und andere Metalle, Glas und Papier.

Für Papier werden natürlich Bäume gerodet – das weiß mittlerweile jedes Kind. Im Angesicht der Tatsache, dass der weltweite Baumbestand dramatisch zurückgegangen ist sollte jedem einleuchten, dass Recyclingpapier die bessere Wahl ist. Weniger bekannt ist leider, dass durch Recyclingpapier auch jede Menge Energie, Wasser und CO2 eingespart wird. Eine lohnenswerte Sache bei einem Verbrauch von 235 Kilo pro Person in Deutschland! Das Papier wird gesammelt, sortiert und durch eine spezielle Waschung von der Tinte befreit. Danach wird es getrocknet und geglättet – fertig!

Das Recyceln von Glas ist wohl die bekannteste Form der Wiederverwertung. Im Jahr 2013 wurden 83% des verkauften Glases in Deutschland recycelt. Altglas wird mit hochtechnischen Spezialreinigungsmaschinen gereinigt, eingeschmolzen mit natürlichen Rohstoffen wie Sand, Kalk und Soda versetzt und zu neuen Flaschen, Gläsern, etc. verarbeitet.

Die Wiederverwertung von Aluminium und anderen Metallen gehören zusammen zum Schrott – Recycling, eine der ältesten Formen der Wiederverwertung von kostbaren Wertstoffen. In Deutschland gibt es in manchen Dörfern in ländlichen Gegenden auch heute noch Schrottsammler, die von Tür zu Tür gehen und Altmetall sammeln. In anderen Ländern, gerade in Schwellenländern gehört das Sammeln von Schrott auch heute noch zu einer wichtigen Form und Möglichkeit sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Metalle werden je nach Beschaffenheit erhitzt, die geschmolzene Masse von Verunreinigungen getrennt und neu aufbereitet.

Nun zu den Kunststoffen. Sie bestehen zu einem großen Teil aus aufbereitetem Erdöl, Wasser und jeder Menge Energie. Da unsere Rohstoffressourcen immer knapper und teurer werden, wird auch die Wiederverwertung von Verpackungsmaterialien immer interessanter und lohnenswerter für die Industrie. Hierbei gibt es zwei Arten des Recyclings, das werkstoffliche Recycling, d.h. der Kunststoff wird erhitzt, aufgearbeitet und neu verarbeitet. So, wie man sich klassisch das Recycling vorstellt. Die andere Art ist das rohstoffliche Recycling, d. h. das Material wird in seine einzelnen Sekundärrohstoffe zerlegt. Ein noch sehr kostspieliger und aufwendiger Weg, dennoch ein sehr sinnvoller.

Laut einem Artikel in der FAZ im Januar diesen Jahres wurden in Deutschland im Jahre 2013 5,6 Tonnen Kunststoffmüll produziert, von denen 99% in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt  und lediglich 1% deponiert wurden. Das klingt toll, aber halt …. das heißt leider nicht, dass 99% recycelt wurden. Vielmehr wurde der größte Teil d. h. 66% thermisch wiederverwertet. Wie oben schon beschrieben, bestehen die Kunststoffe zu einem großen Teil aus Erdöl, was sie natürlich auch zu einem wunderbaren Erdölersatz macht und so wird daraus durch Verbrennung Dampfenergie oder Strom gewonnen, besonders für Hochöfen, Zementwerke und Kraftwerke. Dadurch, dass es die billigste Form der Wiederverwertung ist, ist es in der Verpackungsindustrie leider auch die beliebteste. Weitere 32% wurden werkstofflich recycelt und 1% wird rohstofflich verarbeitet. Die EU arbeitet daran, die Rate der thermischen Wiederverwertung zu reduzieren und die Recyclingquoten zu erhöhen.

Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark und Schweden stehen an erster Stelle mit der Wiederverwertung der gesammelten Kunststoffe. Anders sieht es allerdings in den südlichen europäischen Ländern aus. Gerade für ärmere Länder sind Verbrennen und Deponieren des Mülls leider noch die attraktivsten Formen der Müllentsorgung. Laut der FAZ liegen die Deponierungsquoten dort bei bis zu 80 %. Auch Irland und Großbritannien liegen mit ca. 70% recht weit hinten.

Die EU denkt zwar über ein komplettes Deponierungsverbot von Kunststoffen, eine Steuer auf die thermische Verwertung sowie Zielvorgaben für das Recycling von Kunststoffabfällen bis zum Jahre 2020 nach, allerdings wurde dieser Versuch bisher noch verfehlt. Auch halten immer noch einige EU Mitgliedstaaten nicht das allgemein geltende EU Recht ein und haben ein stark divergierendes Interesse an diesen Zielen zu der Abfallpolitik. Leider gibt es noch immer zu wenig Kontrollen seitens der EU und die einzelnen Mitgliedstaaten verfügen bleibt zu viel Entscheidungsfreiraum selbst überlassen (Pfandsystem, mengenmäßige Abfallgebühren, kostenpflichtige Plastiktüten, etc.) um große Schritte in die richtige Richtung machen zu können. Hoffen wir, dass sich schnell einige Sachen ändern. ….. jeden Tag ein bisschen Meer!

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Plastik zerstört die Erde…. kinderleicht erklärt!

… dieses Video habe ich letztens mit den Kindern in der Schule besprochen. Es ist toll erklärt, selbst die Erstklässler konnten das Thema so aufbereitet sehr gut erfassen.

Nachdem sie diesen Beitrag gesehen haben, waren sie so begeistert, dass sie direkt einen Brief an Frau Merkel schreiben wollten.

Das ist dabei raus gekommen:

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… desweiteren haben die Schüler Plakate in der Schule aufgehängt, auf denen sie Alternativen zu Plastik im Alltag aufzeigen! Ein toller Projekttag!

Dieses Ding mit Zero Waste

Vor drei oder vier Monaten habe ich meinen ersten Artikel über die Zero Waste Bewegung gelesen, seitdem schwirrt es mir im Kopf rum… Zero Waste?!…Bewundernswert!… Ein Leben komplett ohne Müll zu produzieren? Es kommen viele Fragen in meinem Kopf auf: Wie schafft man es im Alltag gar keinen Müll zu produzieren? Was genau heißt das denn überhaupt? Füllt man die Lebensmittel, die man im Laden kauft noch vor Ort in mitgebrachte Einmachgläser und überlässt die Müllentsorgung dem Supermarkt? Darf man überhaupt noch in „normale“ Supermärkte gehen? Wie macht man das auf Reisen? Ist dieser Weg auch mit Kindern realisierbar und wie überzeugt man seinen Partner davon?

Im Radio habe ich gehört, dass es mittlerweile in Berlin, Kiel und Bonn Biosupermärkte gibt, die ein verpackungsfreies Angebotsformat für sich entwickelt haben. Man bringt seine eigenen Behältnisse mit oder leiht sich gegen eine Pfandgebühr im Laden Behälter, nimmt sich exakt soviel, wie man haben möchte und bezahlt nur für die Ware und nicht für die Verpackung. Klingt toll! Leider gibt es in Köln keinen verpackungsfreien Supermarkt. Wie können die Leute hier müllfrei einkaufen? Ein Ansatz dafür ist zum Beispiel das Gemüseabo. In der Umgebung Kölns gibt es genug Anbieter, die einmal die Woche ihre Kunden auf Wunsch mit frischen Gemüse, Obst, Käse, Wurst etc. beliefern. Die Angebote sind meist regional und bio! Natürlich kann man auch in die normalen Supermärkte gehen und sich an der Frischetheke Wurst und Käse in mitgebrachte Behälter füllen lassen. …. aber wie läuft es mit den vielen anderen Lebensmitteln? Joghurt und Obst kann man in Gläsern kaufen – nicht müllfrei, aber immerhin direkt zurückführbar in den Wertstoffkreislauf. Und Pasta? Reis? Und die ganzen Kosmetikprodukte? Putzmittel?

Bea Johnson ist mittlerweile eine der Vorreiterinnen der Zero Waste Bewegung. Die gebürtige Französin lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Söhnen in Kalifornien und die ganze Familie produziert im Jahr ungefähr ein Einmachglas an Müll. (Laut einem Artikel der Süddeutschen im Juli 2014 lag der Müllverbrauch der Deutschen im Jahr 2012 bei 611 kg Müll pro Kopf – d.h. 1,7 kg pro Tag!! Damit lagen wir über dem EU Durchschnitt von 492 kg.)

Also Hut ab, Mrs. Johnson! Es handelt sich bei dieser Familie auch nicht um eine abgefahrene Hippiefamilie, die irgendwo im Off ihr Aussteigerleben lebt, wie es viele vielleicht meinen mögen. Nein, Familie Johnson lebt in einem schicken Haus in der Nähe von San Francisco, fährt Auto und geht ihren Jobs nach. Sie produzieren nur einfach keinen Müll. Natürlich dauert es etwas Zeit, das Leben umzustellen, erklärt sie, jedoch spart ihre Familie durch diesen Wandel viel Geld und – was noch wichtiger ist, sehr viel Zeit! Auf ihrem Blog: ZeroWasteHome gibt sie diverse hilfreiche Tipps, um ein müllfreies Leben umzusetzen. Ein weiteres tolles Beispiel ist die junge New Yorkerin Lauren Singer, die seit zwei Jahren ein müllfreies Leben in New York City führt, auch sie führt einen interessanten Blog mit hilfreichen Inspirationen zu diesem Thema.

Also für mich wird jetzt erst mal der Schritt Richtung Zero Plastic gegangen. Nach und nach werde ich versuchen mein Leben komplett auf Zero Waste umstellen, allerdings muss ich dafür auch meine Familie überzeugen. Wir leben schon sehr umweltbewusst, aber doch leider noch weit davon entfernt, es müllfrei bezeichnen zu können. Ich werde versuchen, so viel Müll wie möglich direkt im Supermarkt zu lassen womit man sicher auch schon ein Zeichen gibt. Wenn alle Leute das machen würden, läge ein anderer Druck seitens der Supermärkte auf der Verpackungsindustrie, da es natürlich auch mit hohen Kosten verbunden ist, den Müll zu entsorgen.

Auf jeden Fall macht es mir großen Mut zu sehen, dass es Menschen gibt, die diese Herausforderung gemeistert haben und ihre Erfahrungen an andere weitergeben. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen dazu inspiriert werden oder zumindest anfangen über ihren Müllkonsum im Alltag nachzudenken. Das ist schon mal ein riesiger Schritt in die richtige Richtung! Ganz nach dem Motto: ….. jeden Tag ein bisschen Meer!

 

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