Frau Dr. Melanie Bergmann ist Meeresbiologin am Alfred – Wegener Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Das Institut betreibt meeres- und polarwissenschaftliche Forschung in der Arktis, Antarktis und auch in gemäßigten Breiten. Dr. Bergmann gehört zu einem internationalen Forscherteam, das die Verbreitung des Mülls in den europäischen Meeren untersucht. Zu den 32 Meeresgebieten die untersucht wurden gehört das Mittelmeer, der Nordatlantik und der Arktische Ozean. Rund 2.100 Aufnahmen des Meeresbodens, Videoaufnahmen und Bodenproben, die mit Hilfe von Grundschleppnetzen genommen wurden, wurden untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierender als angenommen, von küstennahen Gebieten bis hin zur Tiefsee – es gibt keine müllfreien Regionen mehr in den Ozeanen.

Frau Dr. Bergmann, Sie waren für diese europaweite Studie unterwegs, mit deren Hilfe die Verbreitung des Mülls in den europäischen Meeren erfasst werden soll. Wie kam es überhaupt zu dieser Idee und können Sie kurz was zur Methodik dieser Erfassung sagen?

Nach HERMES, einem EU- Projekt das sich mit dem Thema Biodiversität der europäischen Tiefsee beschäftigt hat, erforschten wir mit dem Folgeprojekt HERMIONE die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Ökosysteme der Tiefsee. Dabei ging es neben Klimawandel und Fischerei um Umweltverschmutzung, insbesondere die Vermüllung der Meere. Um den tasächlichen Grad der Vermüllung in der europäischen Tiefsee zu erfassen, wurde bereits vorhandenes Bildmaterial untersucht. Diese Bilder wurden im Vorfeld durch am Meeresboden geschleppte Kamera-Systeme und Tauchrobotern erstellt. Zusätzlich wurden im Mittelmeer Grundschleppnetzfänge in Hinblick auf Müll untersucht. Mit erschreckendem Ergebnis: der Müll wog zum Teil schwerer als die gefangenen Tiere.

Gibt es schon weltweite Studien zu diesem Thema? Ist es überhaupt möglich, weltweite Studien zu diesem Thema zu starten?

Letztes Jahr gab es eine ansatzweise weltweite Studie zum Thema Müll im Meer. Allerdings wurden hier einmal mehr nur an der Meeresoberfläche treibender Müll erfasst. Also ist es nicht verwunderlich, dass die Ergebnisse ein bis drei Größenordnungen unter Schätzungen des globalen Mülleintrags in die Ozeane liegen. Es gibt also momentan eine große Lücke, die nicht allein mit dem Zerfall von Plastik in kleinere Mikroplastik-Teilchen erklärt werden kann. Es stellt sich die Frage: Wo landet all das Plastik? Entgegen der gängigen Meinung, Plastik sei so leicht, dass es in erster Linie an der Wasseroberfläche schwimmt, weist die Dichte verschiedener Kunststoffe darauf hin das ca. die Hälfte zum Meeresboden sinkt und ein weiterer Teil in der Wassersäule, dem Wasserkörper zwischen der Meeresoberfläche und dem Meeresboden, schwebt. Was viele Studien, die sich mit dem Thema Müll im Meer befassen zeigen ist also nur die Spitze des Eisberges – der Großteil des Mülls liegt unentdeckt in der Tiefsee.

Ein großes Problem bei der weltweiten Erfassung von Müll ist, dass momentan häufig keine Standards eingehalten werden, d.h. die Ergebnisse verschiedener Studien lassen sich hinterher nicht vergleichen. Es fängt schon damit an, dass manche Studien Müllstücke zählen, andere wiegen sie nur; manche geben Müllstücke pro Quadratmeter an, andere pro Meter. Das alles führt dazu, dass die Studien z.B. nicht in einer quantitativen Karte dargestellt werden können.

(Eriksen, M., Lebreton, L.C.M., Carson, H.S., Thiel, M., Moore, C.J., Borerro, J.C., Galgani, F., Ryan, P.G., Reisser, J., 2014. Plastic Pollution in the World’s Oceans: More than 5 Trillion Plastic Pieces Weighing over 250,000 Tons Afloat at Sea. PLoS ONE 9, e111913.Jambeck, J.R., Geyer, R., Wilcox, C., Siegler, T.R., Perryman, M., Andrady, A., Narayan, R., Law, K.L., 2015. Plastic waste inputs from land into the ocean. Science 347, 768-771.)

Wie alarmierend ist das Ergebnis dieser umfangreichen Untersuchungen?

Es ist besorgniserregend, denn unsere Studie hat gezeigt, egal wo man guckt, man auch fündig wird. Und das selbst Orte betroffen sind, von denen man es wirklich nicht erwartet hätte, wie z.B. die arktische Tiefsee, welche fernab von menschlichen Ballungsräumen liegt. Dies verdeutlicht, in welchem Maß Plastikmüll sich verbreitet. Aufgrund des jährlichen Produktionszuwachses, seiner Leichtigkeit und der Langlebigkeit.

Um was für Müll handelt es sich in erster Linie? Und welches sind die wohl größten Müllquellen?

Die meisten Studien finden zu 50-90 % Plastikmüll. Es kursiert immer wieder die Angabe, 80 % des Mülls seien landbasiert und der Rest komme vom Meer z.B. durch Schifffahrt oder Fischerei. Dennoch weiß keiner genau, woher diese Zahlen stammen. Es gibt verlässliche Schätzungen für landbasierten Müll (2010: 4,8 – 12,7 Millionen t). Das Problem liegt natürlich bei der Schätzung des meerbasierten illegalen Mülls, doch selbst wenn diese Zahlen global gesehen einigermaßen hinkämen, ist es lokal gesehen nicht wirklich relevant. Denn an der Stelle, wo ein Schiff seinen Müll auf See verklappt, stammt der Müll zu 100 % vom Meer.

Immer häufiger hört man das Wort Microplastik in den Medien. Was genau versteht man unter dem Begriff und welche Rolle spielt es in dem Ökosystem Meer. Welche besonderen Gefahren bringt es mit sich – auch für uns Menschen?

Als Mikroplastik bezeichnet man Plastikteilchen, die je nach Definition kleiner als 5 mm oder kleiner als 1 mm sind. Diese entstehen entweder durch den Zerfall größerer Plastikteile (durch Licht, Temperaturunterschiede, mechanischen Abrieb, Verdauung) oder wurden von vorne herein so produziert und eingesetzt, z.B. im Bau, Kosmetika, Zahnpasten. Ein Verbot könnte hier einiges bewirken. Mikroplastik-Fasern entstehen auch in der Waschmaschine, wenn synthetische Textilien mitgewaschen werden. So wurden in dem Abwasser eines Waschgangs 1000-2000 solcher Fasern nachgewiesen, und leider werden diese häufig keinesfalls von den Klärwerken herausgefiltert und gelangen so ins Meer.

Die Gefahr könnte darin liegen, dass diese Teilchen leichter von einer großen Zahl von Tiergruppen aufgenommen werden kann, auch unbeabsichtigt z. B. über Kiemen. Auf diesem Weg gelangen sie in die Nahrungskette und können sich anreichern. Zu den Auswirkungen gibt es allerdings bislang so gut wie keine Ergebnisse, wahrscheinlich hängen diese stark davon ab, wie lange diese Partikel im Tier verbleiben. Wenn sie schnell wieder ausgeschieden werden, richten sie vermutlich keinen so großen Schaden an, aber auch dazu wissen wir sehr wenig.

Ein Problem könnten die dem Mikroplastik anhaftenden Giftstoffe sein. Das sind zum einen Stoffe, die den Polymeren bereits bei der Produktion zugesetzt wurden, um bestimmte Eigenschaften zu erzielen (Flammschutz, höhere Langlebigkeit, Weichmacher). Zum anderen können sich im Meer weitere Giftstoffe an Mikroplastik-Teilchen anhaften und so mit in die Nahrungskette gelangen. Hier kommt es wahrscheinlich auf das Konzentrationsgefälle an. Einige Modellstudien weisen in der Tat darauf hin, dass Mikroplastik auch Giftstoffe aus besonders belasteten Organismen aufnehmen könnten und mit ihm ausgeschieden werden könnten.

Als noch viel gefährlicher einzustufen sind wahrscheinlich Nano-Plastikteilchen, denn diese können sogar in die Zellen gelangen und Zellmembranen passieren und beeinflussen die Photosynthese von Süßwasser-Algen. Darüber ist so gut wie gar nichts bekannt.

Mein Blog SeaAndTheCity bezieht sich ja auf den engen Zusammenhang zwischen den Menschen unserer Städte, Konsumverhalten und der umweltpolitischen Situation unserer Meere. Was konkret bedeutet das Ergebnis dieser Studie für jeden von uns? Gibt es überhaupt noch eine Chance, die Situation der Weltmeere in den Griff zu bekommen? Was kann Ihrer Meinung nach jeder einzelne von uns unternehmen, damit sich die Situation der Ozeane verbessert?

Das ist schwierig. An oberster Stelle steht natürlich, die Entstehung von Plastikmüll zu vermeiden, aber das ist gar nicht so einfach für den einzelnen, wenn selbst Bio-Produkte in Plastik verpackt werden.

Obwohl natürlich jeder einzelne dafür in der Verantwortung steht, so wenig Müll wie möglich zu produzieren, wehre ich mich doch ein bisschen dagegen, die ganze Verantwortung auf die Konsumenten abzuwälzen. Letztlich ist Plastik momentan zu billig. Würden die Kosten, die durch Umweltschäden und die Müllbeseitigung entstehen (einige Strände, z.B. auf Borkum, müssen jeden Tag von Müll ‚gereinigt‘ werden) berücksichtigt, wäre Plastik viel teurer. Das würde dazu führen, dass andere Alternativen stärker in Betracht gezogen würden, bzw. dass es -wie vor Einführung des dualen Systems in Deutschland- weniger (Um-)Verpackungen gäbe. Ich möchte hier keinesfalls alle Plastikprodukte verteufeln aber Plastik muss wieder verantwortungsvoll als Wertstoff eingesetzt werden und weniger als Wegwerf-Artikel Verwendung finden.

Ansätze wären zum Beispiel:

  • Probieren, Produkte zu kaufen, die weniger verpackt sind, z.B. durch Einkauf auf dem Wochenmarkt
  • keine neuen Plastiktüten zu benutzen
  • Insbesondere am Strand, Fluss, See oder überhaupt im Freien darauf zu achten, keinen Müll (auch keine Zigarettenkippen) zu hinterlassen, der ins Meer wehen oder fließen könnte
  • Müll auch in der Stadt so zu entsorgen, dass er nicht wegweht
  • Kosmetika und Zahnpasten mit Mikroplastiks meiden (s. BUND-Einkaufratgeber: http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/meere/131119_bund_meeresschutz_mikroplastik_produktliste.pdf )

Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview! … auch wenn die Ergebnisse alles andere als schön sind! Ein Grund mehr für jeden von uns selbst etwas zu verändern…. jeden Tag ein bißchen Meer!

 

 

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